Ein starkes NRW braucht ein selbstbewusstes OWL
Nordrhein-Westfalen wird oft vom Rheinland und dem Ruhrgebiet her erzählt. Das hat gute historische Gründe: Der Essener Helmut Rahn schoss Deutschland 1954 aus der Depression. Kohle, Stahl und später die Chemiebranche an Rhein und Ruhr standen für das Rückgrat einer aufstrebenden Volkswirtschaft – und tun es trotz Krise bis heute.
Zurecht liegt viel Aufmerksamkeit auf dem Westen: Olympia-Bewerbung, Rheinisches Revier, Stahltransformation. All das ist wichtig. Aber wenn alte Wohlstandsgaranten unter Druck stehen, entscheidet sich die Zukunft auch dort, wo Technologie in Produkte, Prozesse und Arbeitsplätze übersetzt wird: in Ostwestfalen-Lippe. OWL ist keine Region der großen Selbstinszenierung. Lipper und Ostwestfalen machen eher, als dass sie große Worte verlieren. Das ist sympathisch, darf aber nicht zur Selbstverzwergung führen. Wer seine Stärken nicht selbstbewusst ausspielt, darf sich nicht wundern, wenn lautere Regionen gehört werden.
Die Olympia-Bewerbung zeigt das: Wer auf dem Spielfeld stehen will, muss vorher dafür kämpfen. Bitten wird uns niemand.
Vorweg: Der alte Vorwurf, NRW ende am Kamener Kreuz, ist seit 2017 nicht mehr zutreffend. Vor allem die Landesregierung hat OWL im Blick. Die Medizinische Fakultät in Bielefeld, die auf immer auch mit dem Namen Karl-Josef Laumann in Verbindung stehen wird, ist dafür ein Beispiel von vielen. Aber in diesen Krisenzeiten muss die neue OWL-Devise noch selbstbewusster werden und über die Erfolge der Vergangenheit hinausgehen.
OWL hat bewiesen, dass es Strukturwandel kann – nur stand bei uns nicht immer ein Milliardenetikett drauf. Aus Feldern und Leinenproduktion wurden erst Möbel- und Küchenfertigungen und in der jüngeren Vergangenheit kamen Maschinenbau, Automatisierung, Familienunternehmen, Hochschulen, IT-Kompetenz und industrielle Innovation hinzu. Gleichzeitig steht auch OWL unter Druck: Weltlage, Energiepreise, Bürokratie, Fachkräftemangel und Exportrückgänge treffen unsere Betriebe.
Wer nur von Stärke spricht, macht es sich zu leicht. Wer nur von Krise spricht, unterschätzt die Region. Auch bei der Energie hat OWL viel für den Rest des Landes geleistet. Der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik verlangt den Menschen vor Ort einiges ab: Eingriffe ins Landschaftsbild, Flächendruck, Netze am Limit. Wer so viel zur Energiewende beiträgt, darf Standortvorteile erwarten: leistungsfähige Netze, faire Beteiligung der Kommunen und Bürger, günstigere Energie für Betriebe und schnellere Verfahren.
Das Herzstück der nächsten Stufe unserer Erfolgsstory liegt in der Verbindung von Mittelstand, Hochschulen und KI. Dabei darf KI kein leeres Schlagwort bleiben. Rechenzentren sind wichtig, aber noch keine stringente Wirtschaftspolitik. Entscheidend ist nicht allein, wo Server stehen, sondern wo aus Daten bessere Produkte, effizientere Maschinen, neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze werden. Hier liegt die Chance von OWL: KI trifft auf Engineering, industrielle Erfahrung und die Agilität mittelständischer Umsetzungskraft. Aus KI-Hype kann in OWL messbare Wertschöpfung werden. Dafür reicht es nicht, den Mittelstand in Sonntagsreden zu loben. Jeder ist für den Mittelstand. Entscheidend ist, wer ihm Freiräume gibt: schnellere Genehmigungen, bezahlbare Energie, Flächen, Verkehrs- und Datennetze, digitale Verwaltung, Berufskollegs, Hochschultransfer, Gründungen und Unternehmensnachfolge. Das ist keine abstrakte Standortpolitik, sondern entscheidet darüber, ob junge Menschen in OWL bleiben, gründen, Betriebe übernehmen und Verantwortung tragen. Dabei ist NRW mit unserem Ministerpräsidenten Hendrik Wüst bereits auf dem richtigen Weg, bürokratische Hürden endlich abzubauen, braucht aber auch aus OWL mehr Unterstützung, um die richtigen Reformen nach Berlin und Brüssel zu tragen.
Wenn die Medizinische Fakultät ein Glücksfall für OWL war, muss die nächste Frage erlaubt sein: Brauchen wir eine Pharmazeutische Fakultät in Bielefeld oder Paderborn? Nicht aus Prestige, sondern für den Standort: für Gesundheitsversorgung, Forschung, Arzneimittelsicherheit und Wertschöpfung. OWL braucht eine neue, offensivere Zukunftsagenda. Dabei sollten wir nicht jammern, sondern selbstbewusst sagen, was diese Region für NRW und Deutschland leistet – und was sie benötigt, um stark zu bleiben. Nicht gegen Rhein und Ruhr, sondern für ein Nordrhein-Westfalen, das seine ganze Stärke nutzt.
Autoren:
Kevin Gniosdorz, Landesvorsitzender Junge Union Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Bad Wünnenberg
Lars Brakhage, Kreisvorsitzender CDU Lippe, Mitglied im Landesvorstand der CDU und der Jungen Union Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Verbandsversammlung des Landesverbandes Lippe